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Villa für die intensive Begegnung mit Kunst
Handelsblatt

20.08.2021

Ein Haus am Feenteich – das klingt wie ein Märchen. Tina und Jan Wentrup, das Eigentümerpaar der gleichnamigen Berliner Galerie, lassen dieses Märchen jetzt Wirklichkeit werden. Auf zwei Jahre werden sie ein dreistöckiges Jugendstilhaus in der Straße Am Feenteich im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst, nahe der Außenalster gelegen, mit Leben füllen. Mit Arbeiten ihrer Galeriekünstler an den Wänden und draußen im schönen, zum Wasser hinunterführenden Garten und dazu mit Veranstaltungen und Begegnungen, die die Grenzen der Kunst hin zu Musik, Philosophie, Literatur und Wissenschaften überschreiten sollen.

Seit 2004 existiert die Wentrup Gallery in Berlin. Mit ruhiger, konzentrierter Arbeit und einem sehr konstanten Programm hat sich die Galerie an wechselnden Standorten zu einer der führenden Vertreterinnen der mittelgroßen Galerien entwickelt. Künstlerinnen und Künstler zumeist der 1970er-Jahrgänge wie Gregor Hildebrandt, Axel Geis, Nevin Aladag oder David Renggli haben sehr früh das Programm geprägt und werden bis heute vertreten. Auch die beiden „Altmeister“ Timm Ulrichs und Olaf Metzel zählen zum festen Stamm.

Doch der stete Aufstieg hat offensichtlich auch Kraft gekostet. „Wir haben einen Ruheort gesucht“, sagt Tina Wentrup, „einen Ort, an dem man sich intensiver mit den Künstlern und Kunstinteressierten austauschen kann.“ Im Trubel der Messen sei das Gespräch über die Kunst zuletzt fast ganz ausgefallen, ergänzt Jan Wentrup: „Da hat in unserer Zunft ein ‚Höher, schneller, weiter‘ geherrscht, das uns in vielen Bereichen nicht gut getan hat.“

Die Idee, neben dem Berliner Stammhaus einen zweiten Ort in einer anderen Stadt mit einer anderen Konzeption zu etablieren, habe sie schon seit Längerem umgetrieben. Den letzten Anstoß habe der erzwungene Stillstand während der Corona-Lockdowns gegeben. Dass es nun Hamburg wurde, habe auch daran gelegen, dass die stattliche Villa am Feenteich zur Miete stand. „Hamburg ist eine sehr offene Stadt mit internationalen Einflüssen und einer guten Sammler Tradition“, berichtet Jan Wentrup. „Von Berlin sind es nur anderthalb Stunden mit dem Zug, doch man landet in einer völlig anderen Welt.“

In einem Dreivierteljahr gestalteten die Wentrups das Haus in Zusammenarbeit mit dem Designer Sebastian Herkner ganz nach ihren Vorstellungen um. Das Interieur ist licht und einladend. In den repräsentativen Räumen hängen Großformate, in den Korridoren Aquarelle und kleine Arbeiten. Zur Eröffnung sind rund 30 Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern aus dem eigenen Programm großzügig ausgestellt, die Hängung soll regelmäßig wechseln. „Wir wollten von Raum zu Raum kleine Bühnen für die Kunst und die Begegnung mit der Kunst schaffen“, erklärt Tina Wentrup, die selbst für Theater- und Tanzinstitutionen arbeitete, bevor sie 2006 in die Galerie ihres Manns eintrat.

Hier sollen künftig salonartige Veranstaltungen stattfinden, deren Themen sich an der ausgestellten Kunst orientieren. Den Anfang macht im September ein Abend zum Verhältnis der Kunst zur Musik, ausgehend von den Werken Nevin Aladags, die auf der „Documenta 14“ mit ihrem „Musikzimmer“ Aufsehen erregte. In der ersten Hängung am Feenteich sind collagenartige Arbeiten zu sehen, in denen sie Ausschnitte von Teppichen mit verschiedensten Mustern und Herstellungsweisen arrangierte – Bilder für das mitunter heftige Aufeinandertreffen verschiedener Traditionen und Kulturen.

Im Garten ist von der in Berlin lebenden Künstlerin auch eine große Tafel aus der Serie „Musterverwandtschaft“ aufgestellt, für die dünne Aluminiumplatten in einem technisch aufwendigen Verfahren mit einem Wasserstrahlschneider bearbeitet und mit Acrylfarben bemalt werden. So entsteht eine Art Raumteiler, der von einer Vielzahl an Mustern und Ornamenten übersät ist – von Pop-Art-Anklängen bis zu orientalischer Ornamentik.

Aus Vinyl-LPs gefertigte Skulpturen im Brancusi-Stil oder eine übergroße Bauer-Schachfigur aus Bronze von Gregor Hildebrandt, pointillistische Landschaftsbilder in psychedelischer Farbgebung von John McAllister oder streng geometrische, stark auf den Raum bezogene Skulpturen von Gerold Miller, der neu im Programm der Wentrup Gallery ist – die Eröffnungsausstellung am Feenteich zeigt einen hochwertigen Querschnitt durch das Galerieprogramm. Die Malerin Sophie von Hellermann ließ sich vom Straßennamen des neuen Domizils sogar zu einer neuen Aquarell-Serie mit verspielten „Féerien“ anregen.

Ungefähr zwei Wochen pro Monat möchten die Wentrups in Hamburg künftig Flagge zeigen. Die Dependance am Feenteich ist nach Vereinbarung geöffnet. Dem langsam wieder heiß laufenden Kunstbetrieb entsagen wollen die Wentrups indes nicht. Doch möchten sie ihre Messebeteiligungen künftig reduzieren, wie Jan Wentrup sagt: „Wir brauchen nicht mehr überall präsent zu sein und möchten uns auf Messen in den USA und in Deutschland beschränken.“

Für die recht überschaubare Galerieszene in Hamburg ist der Neuzugang eine gute Nachricht. Dass daneben nun auch die Messe „Paper Positions“ Ende August mit einem kleinen Ableger in Hamburg Station macht, weckt Hoffnungen auf eine nachhaltige Belebung der Hamburger Kunstszene.

— Johannes Wendland